ABEGG READY Magazin · Sicherheit & Outdoor
Vom Gewitter überrascht? Was jetzt beim Wandern, Zelten, auf dem See und am Fluss wichtig ist
Vor einer Stunde war der Himmel noch freundlich. Jetzt stehst du oberhalb der Baumgrenze, der Wind dreht und in der Ferne ist Donner zu hören. Der beste Schutz wäre gewesen, früher umzukehren. Wenn das Zeitfenster verpasst ist, zählt eine nüchterne Reihenfolge: Exposition verringern, Wasser und Höhen verlassen, sicheren Schutz suchen – und keine Ausrüstung unter Risiko retten.
Gewitter unterwegs – die erste Entscheidung
Gewitter bringen nicht nur Blitze. Böen können SUPs und kleine Boote vom Ufer wegdrücken, Starkregen lässt Wege und Bäche innert kurzer Zeit anschwellen, Hagel nimmt Sicht und Trittsicherheit, und ein Temperatursturz wird in nasser Kleidung rasch zum Kälteproblem. In den Bergen sind lokale Gewitter zudem nur begrenzt genau vorherzusagen. Radar und Warnungen helfen, ersetzen aber nicht die Beobachtung vor Ort.
| Situation | Erste Reaktion | Ziel | Vermeiden |
|---|---|---|---|
| Wanderweg | Route sofort neu bewerten | Gebäude, Bergstation, Fahrzeug oder tiefer gelegene Route | Den Gipfel noch «schnell mitnehmen» |
| Grat/Gipfel | Höhe und Exposition zügig reduzieren | Weg vom Kamm und von herausragenden Punkten | Auf dem Grat warten oder hinlegen |
| Zelt | Erreichbaren sicheren Schutz prüfen | Massives Gebäude oder Fahrzeug | Zelt als Blitzschutz betrachten |
| See | Früh anlanden | Wasser verlassen und geschützten Ort erreichen | Erst bei Starkregen umkehren |
| Fluss | Geplanten geeigneten Ausstieg ansteuern | Gruppe sicher aus dem Wasser | Riskanten Steil- oder Blockufer-Ausstieg erzwingen |
Warnzeichen: Nicht auf den ersten Regentropfen warten
Rasch aufquellende Wolkentürme, eine dunkle Wolkenbasis, eine sichtbare Regenwand, auffrischender oder drehender Wind und ein spürbarer Temperaturabfall sind Gründe, die Lage neu zu beurteilen. Sichtbarer Blitz oder hörbarer Donner sind keine Frühwarnzeichen mehr: Dann läuft die Gefahrenphase bereits. MeteoSchweiz unterscheidet Warnstufen nach erwarteter Intensität; lokale Entwicklung und genauer Einschlagsort bleiben trotzdem unsicher.
Die Distanz lässt sich grob aus der Zeit zwischen Blitz und Donner abschätzen: Schall legt ungefähr einen Kilometer in drei Sekunden zurück. Die BFU setzt einen klaren Handlungsanker: Liegen weniger als zehn Sekunden zwischen Blitz und Donner, soll man sich nicht mehr im Freien aufhalten. Die Rechnung ist keine Sicherheitsgarantie – Blitze können auch ausserhalb der sichtbaren Regenzelle auftreten.
1. Gewitter beim Wandern
Ausgangslage
Die Tour begann bei gutem Wetter. Nun wachsen die Wolken, Wind kommt auf und Donner ist hörbar. Der Gipfel scheint nur noch zwanzig Minuten entfernt.
Was jetzt?
Stoppe den Automatismus des Weitergehens. Vergleiche Rückweg, Talabstieg, Hütte, Bergstation und Fahrzeug nach Zeit, Exposition und Wegzustand. Ein längerer, aber tiefer gelegener und bekannter Weg kann besser sein als eine kurze Route über einen Grat. In der Gruppe entscheidet nicht die ehrgeizigste Person: Tempo, Kälteempfindlichkeit und Trittsicherheit der langsamsten Person bestimmen den Plan.
Regenjacke und wärmende Schicht früh anziehen. Karte, Telefon und Stirnlampe griffbereit halten. Bei einsetzendem Starkregen werden Markierungen schlechter sichtbar, Wege rutschig und kleine Rinnen zu Bächen. Verlasse den markierten Weg nicht für eine vermeintliche Abkürzung durch unbekanntes Gelände.
Was vermeiden?
Kein «nur noch schnell». Nicht unter einem einzelnen Baum oder am Waldrand warten. Keine exponierte Abkürzung. Wenn ein sicheres Gebäude oder ein Fahrzeug erreichbar ist, ist das Ziel nicht ein schönerer Aussichtspunkt, sondern dieser Schutzraum.
2. Grat, Gipfel und exponiertes Gelände
Grate, Gipfel, Felstürme, einzelne Bäume, Masten und Gipfelkreuze ragen aus ihrer Umgebung heraus. Entferne dich davon und verliere auf dem markierten, beherrschbaren Weg zügig Höhe. Eine Mulde kann die Exposition reduzieren, darf aber kein Wasserlauf, trockenes Bachbett oder möglicher Murgang-Korridor sein.
Ist kein besserer Schutz erreichbar, empfiehlt die BFU im Freien eine Kauerstellung: geschlossene Füsse, in die Hocke gehen, Knie umfassen. Nicht hinlegen und nicht breitbeinig stehen. In einer Gruppe mindestens drei Meter Abstand halten, damit nicht alle gleichzeitig betroffen sind und sich Betroffene gegenseitig helfen können.
Halte Abstand zu herausragenden Felsen, Bäumen, Masten und Metallkonstruktionen. Metall «zieht» Blitze nicht magisch an, kann aber Strom leiten und schwere Kontaktverletzungen verursachen. Wanderstöcke, Pickel oder Regenschirm deshalb weglegen, ohne dafür in gefährliches Gelände zu laufen. Der Rucksack darf als isolierende Unterlage dienen; wichtiger bleibt die kleine Bodenberührung mit geschlossenen Füssen.
3. Klettersteig: Stahlseil und Exposition
Ein Klettersteig ist bei Gewitter eine besonders ungünstige Kombination: exponierte Lage, durchgehende Stahlseile, nasse Tritte, begrenzte Ausweichmöglichkeiten und Sturzgefahr. SAC und BFU sind eindeutig: Bei Gewitter nicht einsteigen. Zeichnet sich die Lage vor dem Einstieg ab, wird die Tour abgebrochen.
Wer bereits im Steig ist, improvisiert keine riskante «Abkürzung» und löst sich nicht ungesichert vom System. Nutze nur ausgewiesene Notausstiege, wenn sie sicher erreichbar sind, und folge der Routenführung. Bei akuter Notlage frühzeitig 112, 144 oder Rega 1414 alarmieren und Position, Steigabschnitt, Personenzahl, Verletzungen und Wetter melden.
4. Gewitter im Wald
Ein einzelner Baum, eine Baumgruppe und der Waldrand sind keine guten Schutzorte. In einem geschlossenen Wald ist die Höhe der Bäume gleichmässiger, doch es bleiben Risiken durch Blitz, herabfallende Äste, Windwurf und überschwemmte Wege. Halte gemäss BFU mindestens drei Meter Abstand zu Baumstämmen, meide besonders hohe oder beschädigte Bäume und bleibe weg von Bächen und steilen, aufgeweichten Hängen.
5. Campingplatz, Zelt und Biwak
Auf dem Campingplatz
Suche ein geeignetes festes Gebäude oder ein geschlossenes Fahrzeug auf. Verlasse das Zelt früh genug, bevor Böen, Dunkelheit und Wasser den Weg erschweren. Schuhe, Regenjacke, Stirnlampe und Telefon liegen nachts griffbereit. Das Zelt unter Bäumen ist zusätzlich durch Äste gefährdet. Ausrüstung wird nicht während der Gewitterphase gerettet.
Biwak oberhalb der Baumgrenze
Schon bei der Platzwahl Grate, Kuppen, trockene Bachbetten, Rinnen, steinschlaggefährdete Felsfüsse und Senken mit möglichem Wasserstau meiden. Eine Hütte oder tieferes, weniger exponiertes Gelände ist bei kritischer Prognose die bessere Tourenentscheidung.
Ist kein Schutz erreichbar, beschreibt die BFU für das Zelt die Kauerstellung auf einer trockenen Isomatte mit möglichst grossem Abstand zu metallenen Zeltstangen. Das ist eine Notmassnahme, kein sicherer Blitzschutz. Beurteile einen Standortwechsel nur, wenn er ohne zusätzliche Exposition, Absturz-, Steinschlag- oder Hochwassergefahr möglich ist.
6. Schweizer See: SUP, Kajak und kleine Boote
Bei Donner, sichtbaren Blitzen oder einer rasch heranziehenden Böenfront gilt: so früh wie möglich an einem geeigneten Ufer anlanden und das Wasser verlassen. Schwimmer gehen sofort aus dem Wasser und entfernen sich von Stegen, Metallgeländern, Masten und offenen Uferflächen. Beim SUP oder Kajak nicht quer über den See zur «schöneren» Ausstiegsstelle fahren – die nächste sichere, zugängliche Landung ist das Ziel.
Wenn ein kleines Boot das Land nicht mehr rechtzeitig erreicht, Rettungsmittel angelegt lassen, tief und ruhig im Boot bleiben, Abstand zu Mast und Metallteilen halten und die Füsse geschlossen halten. Das ist nur Schadensbegrenzung. Segelboote mit Mast, Motorboote und kleine Paddelboote unterscheiden sich technisch; Anweisungen des Bootsführers, örtliche Sturmwarnung und Seepolizei haben Vorrang.